• Katharina Leitgeb

Berühren verboten

Meine jüngste Tochter kam gestern aus der Schule nach Hause und war ganz traurig. Auf mein Nachfragen, was denn passiert sei, antwortete sie. „Mama, wir dürfen unsere Lehrerinnen nicht mehr umarmen. Bei uns war heute eine junge Studentin in der Klasse, die so nett war, aber als wir sie zum Abschied umarmen wollten, hat sie gesagt, dass wir das nicht dürfen, weil sie doch eine Lehrerin ist.“ Mich hat das ratlos gemacht. Ich verstehe den Schmerz meines Kindes. Körperlichkeit, Berührungen, Kontakt, das sind menschliche Grundbedürfnisse. Umarmungen, ein Streicheln über den Kopf, ein Arm um die Schulter. Das Natürlichste auf der Welt, sollte man meinen.

Aber offensichtlich gibt es mittlerweile schon so eine Berührungsphobie, wird jeder Körperkontakt sofort sexualisiert gesehen, dass man Angst davor hat, Kinder zu berühren. Vor allem im pädagogischen Bereich. Rational verständlich und nachvollziehbar, wenn man auf die zahlreichen Missbrauchsfälle, die es ja tatsächlich gibt, blickt.

Was läuft da schief? Ich selbst habe in einer Grundschule gearbeitet. Die Kinder durften sich von mir immer eine Umarmung abholen, auch mal auf den Schoß kommen, sich bei mir anlehnen. In den Schulpausen hatte ich immer eine Traube Kinder um mich, die sich regelrecht um eine Dosis Wärme und Körperkontakt anstellten. Das ist wichtig! Das brauchen wir! Erwachsene genau so wie Kinder!

In unserer Gesellschaft sind ja auch Berührungen unter Erwachsenen selten geworden. Unsere Finger berühren eher Handy, Touchscreens und Fernbedienungen als Haut. Mittlerweile ist es schon zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden, dass die Tatsache, dass viele Menschen ihre sozialen Kontakte hauptsächlich online pflegen, zu Berührungsverarmung und Einsamkeit führt.

Ohne regelmäßige Streicheleinheiten trocknen wir langsam aus wie eine Pflanze und verkümmern mit der Zeit. Wenn das das Gehirn zu wenig mit wohltuendem Input wie sanften Berührungen versorgt wird, entwickelt es nachweisbar Störungen. Der Mensch wird anfälliger für physische und psychische Erkrankungen wie Depression und Burnout.

Bitte. Fasst euch an. Schenkt eurem Kind eine ausgedehnte Rückenkratz- Session. Massiert eurem Partner die Füße oder den Kopf, absichtslos, ohne sexuellen Hintergrund. Umarmt eure Freunde, streichelt eurem Opa die Hände. Es tut so gut. Man muss es nur machen.


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