• Katharina Leitgeb

Ein Märchen für 2020

Es war einmal in dunkler Vergangenheit oder auch erst vor 12 Monden, da gelangte schlimme Kunde in das Dorf, in dem die schöne Corina mit ihren Eltern lebte: Ein wildes Reitervolk aus Asien ziehe durch die Städte und Dörfer und meuchle die Menschen dahin, Junge und Alte, Männer und Frauen, keiner war vor ihren tödlichen Waffen sicher.


Die Menschen waren sehr besorgt und voller Angst- ein solcher Feind war ihnen noch niemals zuvor begegnet! Als die Gefahr immer näher rückte und selbst der Rat der Weisen in Corina’s Dorf davor gewarnt hatte, dass auch hier bald jeder jemanden kennen würde, der den unkontrollierbaren grausamen Reitern zum Opfer gefallen sei, fassten Corina’s Eltern einen Plan.



„Liebste Tochter, du bist alles, was wir haben und unser kostbarster Schatz. Wir wollen dich schützen, doch gegen diese Bedrohung sind wir machtlos. Du musst dich verstecken, bis die Gefahr vorüber ist!“

Im Schutz der Dunkelheit brachten die Eltern das Mädchen an den Rand des Waldes. „Tochter, geh in den Wald. Nur dort, in der Abgeschiedenheit, bist du sicher!“

Der Vater segnete seine geliebte Tochter, und die Mutter gab ihr zum Abschied ein Herz aus klarem Bergkristall in die Hand. „Liebste Tochter, denk immer daran, dass du gesegnet bist, und trag das Herz vor dir her. So wird dir nichts geschehen!“


Ängstlich zog Corina los, doch je tiefer sie in den dichten Wald eindrang, desto mehr gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und desto sicherer wurden ihre Schritte. Was konnte ihr geschehen – sie war gesegnet und trug das Herz vor sich her! Im Wald war es still, und doch voller Geräusche. Corina spürte, dass sie auf ihrem Weg beobachtet und begleitet wurde, die Wesen des Waldes folgten ihr neugierig. Das Mädchen wanderte die ganze Nacht durch die samtige Dunkelheit, ohne zu ermüden. Da schwebte plötzlich eine weiß gekleidete Frau vor ihr zwischen den Bäumen hindurch, und es begann, Tag zu werden. Kurz darauf schwebte eine weitere, ganz in Rot gewandete Frau an ihr vorbei, und die Sonne stieg auf und erwärmte die Erde.


Im warmen Sonnenlicht entdeckte Corina mit einem Mal eine kleine Holzhütte, die mitten im Wald stand, umgeben von einem Zaun aus weißen Knochen. Die Totenschädel von verschiedenen Tieren – und waren da nicht auch menschliche Schädel dabei? -steckten auf Holzpfählen und flankierten den Eingang. Aus dem Schornstein qualmte es, und ein Duft von Suppe lockte Corina näher. Noch bevor sie anklopfen konnte, öffnete sich die Tür.

Eine alte Frau mit Augen wie ein dunkler Waldsee, Haaren wie vertrocknetes Moos und einer Haut wie die Rinde eines Baumes, bucklig und ganz in schwarz gekleidet, sagte mit knarziger Stimme: „Da bist du ja endlich. Es ist Zeit. Ich habe schon auf dich gewartet, ich dachte schon, du findest den Weg nie!“ Mit diesen Worten drückte die Alte Corina einen Reisigbesen in die Hand und befahl ihr: „Zuerst fege die Stube. Und wenn du gut ausgefegt hast, werde ich entscheiden, ob du bei mir bleiben kannst!“


Corina wunderte sich zwar ein wenig, doch ohne nachzufragen tat sie, wie ihr geheißen, und fegte sorgfältig und gründlich, bis auch die Spinnweben und Brotkrümel aus dem hintersten Winkel der Stube entfernt waren. Die Alte war zufrieden. „Nun denn, Töchterchen, so kannst du bleiben, bis deine Zeit reif ist. Du wirst jeden Tag Feuer machen, die Stube fegen, die Suppe rühren, den Faden spinnen und das Garn weben. Erledigst du deine Aufgaben wohl, so wird es dir an nichts fehlen.“ Und draußen wandelte eine schwarz gekleidete Frau vorüber, und es wurde dunkle Nacht.


Am nächsten Morgen und an den folgenden fegte Corina die Stube, machte Feuer, rührte die Suppe im großen Kessel, spann den Faden und webte das Garn. Und es fehlte ihr an nichts in der Hütte der Alten. So wurde es Winter, der Schnee lastete schwer auf dem Dach der Hütte und in den Ästen der Bäume klirrten die Eiszapfen. Als es langsam zu tauen begann, hatte Corina schon ein schönes Stück feinsten Stoff gewebt, ganz zart und weich, ein Werk aus hingebungsvollen Händen in dunklen Nächten. Nun blickte sie auch manchmal schon sehnsuchtsvoll aus dem Fenster, denn langsam kamen ihr ihre Lieben wieder in den Sinn, und sie hatte Sehnsucht nach den Eltern, ihrem Dorf und den Menschen darin.


Eines Morgens, die weiße und die rote Frau waren gerade erst vorbei gewandelt, setzte sich Corina zu der Alten ans Feuer. „Mütterchen, ich bin dir sehr dankbar für das, was du mich gelehrt hast. Doch bitte, entlasse mich jetzt aus dem Dienst, ich möchte das Leben außerhalb des Waldes wieder erleben! Mein Herz sagt mir, dass es Zeit ist!“ Die Alte nickte. „Du warst mir eine gute Schülerin. Hast nicht gemurrt, nicht gefragt, hast deine Aufgaben erledigt und getan, was zu tun war. So nimm dir zur Belohnung den Stoff mit, den du gewebt hast!“

Und wie aus Zauberhand war aus dem Stoff ein Gewand geworden, durchwirkt mit den feinsten, glitzerndsten Goldfäden. Voller Freude schlüpfte Corina in ihr neues Gewand, es schmiegte sich an sie und umhüllte sie sanft und fließend. Sie griff in die Tasche des Kleides- da war das Herz aus klarem Bergkristall, das ihr die Mutter mitgegeben hatte!


Leichten Fußes verließ Corina die Hütte, ohne sich noch einmal umzudrehen trat sie durch das knöcherne Tor nach Draußen. Ihre Schritte flogen förmlich über den Waldboden, und schon bald konnte sie in der Ferne ihr Heimatdorf erkennen. Es sah aus wie immer, außer, dass es nun bei jedem Haus einen kleinen Gemüsegarten gab, wo die ersten Pflänzchen bereits zart und grün zu sprießen begannen.


Als die schöne Corina in ihrem golddurchwirkten Gewand zwischen den Häusern durchlief, drehten sich die Menschen nach ihr um. Die Angst und die Entbehrungen hatten Spuren in den Gesichtern hinterlassen. Einige hatten einen lieben Menschen verloren, einige waren selbst noch schwach und hilfsbedürftig, und andere hatten ihr ganzes Hab und Gut verloren. Trotz allem – im Dorf war es friedlich, die Bewohner gingen achtsam miteinander um, halfen und unterstützten einander, hörten einander zu.


Das gemeinsam erlittene Schicksal hatte die Menschen näher zusammen gebracht, hatte sie spüren lassen, wie wichtig es ist, zusammen zu halten. Durch den Schmerz, die Angst und die Verluste hatten sie erkannt, dass ihr unablässiges Streben nach Geld, nach Erfolg, nach Anerkennung, nach schnellen Genüssen und oberflächlichen Beziehungen ihnen keine Befriedigung mehr verschaffte. Es war, als wäre in den Herzen der Menschen ein Flämmchen entzündet worden, das wärmte und leuchtete.


Corina fand ihre alten Eltern – sie waren wohlauf und bearbeiteten einen kleinen Gemüsegarten. Sie bestürmten ihre erwachsen gewordene, strahlend schöne Tochter mit Fragen, wie es ihr denn ergangen war, doch Corina erzählte ihnen nichts sondern sprach nur: „Seht, ich bin gesegnet und habe mich vom Herzen führen lassen, was hätte mir schon passieren können?“

So war nicht nur Corina eine Andere geworden, sondern die ganze Welt hatte sich verändert.


Und das ist nicht das Ende der Geschichte, vielmehr erst der Anfang.


©Katharina Leitgeb, Dezember 2020