• Katharina Leitgeb

Die Alte

Nein, schön ist sie nicht. Nicht auf den ersten und auch nicht auf den zweiten Bick. Sie hat nichts Liebliches, nichts Anmutiges, keinen Glanz und keine Nettigkeiten für dich.

Hast du sie gerufen? Jetzt würdest du am liebsten wegschauen. Den Blick senken. Geschäftigkeit vorschieben. Jetzt nicht, jetzt passt es mir gerade nicht!


Unablässig sieht sie dich an. Sieht dir ins Herz. Dir wird kalt. Du windest dich unter ihren Blicken. Ich will das jetzt nicht! Licht und Liebe und Leichtigkeit hab ich gerufen. Was soll das also jetzt? Doch irgendwann gibt etwas in dir nach, wird brüchig, mürbe.

Also gut. Was willst du von mir? Immer noch widerwillig blickst du sie an, ein bisschen bockig, wie ein verstocktes Kind. Sie sagt nichts. Sie schaut nur weiter, blickt tief in dein Innerstes und zeigt dir seine Spiegelung. Die Intensität deiner Gefühle trifft dich unvermutet, peitscht hoch wie das Meer im Sturm. Dieser Schmerz. Diese Angst. Es zerreißt dir schier das Herz.


WARUM?, schreist du ihr entgegen. Sie steht ganz ruhig und schaut dich an. Der Sturm zaust ihr langes, schlohweißes Haar. Kann es sein, dass so etwas wie Milde in ihrem Blick liegt? Irgendwann liegst du weinend vor ihr am Boden, und deine Tränen benetzten den Saum ihres schwarzen Mantels. Ich will das nicht, schluchzt du, ich ertrage meine Hässlichkeiten, meine Ausflüchte, meine Täuschungen nicht! Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden, nicht wert, deine Tochter zu sein, nicht wert, meine Stimme zu erheben!

Der knochige Zeigefinger der Alten berührt dein Herz. Schluss mit der Wehleidigkeit, Schluss mit dem Selbstmitleid.Steh auf! Wer bist du? Erinnere dich! Wer bist du? Die Alte beginnt zu singen, und die Klänge, die aus ihrer Kehle kommen, sind nicht menschlich und noch tausendmal älter als die Welt. Und irgendetwas in dir erinnert sich. Als ob deine Seele heimkommen würde. Als ob plötzlich alles Sinn machen würde. Als ob du niemals auch nur irgend etwas falsch machen konntest.

Du fühlst dich nun ganz warm und sicher gehalten, in vollkommener Verbundenheit mit allem was war, ist und kommt.

Die Alte sieht dich wissend an. Meine Tochter, ruh dich aus. Sammle deine Kräfte. Wie schön sie plötzlich ist. Wie schön, in ihre Dunkelheit einzutauchen. Samtener Mutterschoß.


Unendliche Dankbarkeit. Friede kehrt ein. Ruhen, ja, ruhen.

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