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  • AutorenbildKatharina Leitgeb

Vom Sommer und dem rechten Schnitt

Gipsfußbedingt auf’s Minimum reduziert, habe ich gerade viel Gelegenheit, im Garten zu sitzen und einfach nur zu schauen. Dem vor Dürre schon ganz braunen Rasen haben die Regengüsse der letzten Tage gut getan.

Im Gemüsebeet wächst und wuchert alles – ich kann kein Unkraut jäten, nichts auslichten, nichts hochbinden oder in Form bringen. Die Ernte ist reich, Zucchinis, Gurken, Tomaten, Kohlrabis laufen gerade zur Höchstform auf und schenken uns jeden Tag eine frische Mahlzeit.


Die Nächte sind im Moment kühler, und am Nachmittag fällt das Sonnenlicht in einem schrägeren Winkel als noch vor zwei Wochen, was ein warmes, goldenes Leuchten erzeugt.


Eine gewisse Trägheit hat sich breitgemacht, nach der intensiven, überschießenden Wachstumsphase ist jetzt die Zeit der Ausdehnung und des Reifens gekommen.

Etliches ist schon verblüht und hat Samenstände ausgebildet.


Tatsächlich ist bei uns auch schon die Hälfte der Sommerferien vorbei, so schnell im Flug wie jedes Jahr, dabei möchte man den Sommer doch auskosten, die lauen Abende, das länger Schlafen, barfuß gehen und draußen essen.


Auf der dreistämmigen Birke der Nachbarn sitzt eine große schwarze Krähe und beobachtet mich. Unter lautem Gekrächze fliegt sie weg, und ihr Krah Krah erinnert mich an den Herbst.


Die Zeit aufhalten, das wäre was! Das Sommergefühl konservieren, jeden Morgen mit nackten Zehen durch das warme, feuchte Gras laufen und duftende Minze, Zitronenmelisse und Salbei für den Tee pflücken.

Und doch kümmert sich das Rad nicht darum, was ich mir wünsche, es dreht sich weiter, unermüdlich, nimmt seinen Lauf und erfüllt sich, immer wieder auf’s Neue.


Schon webt sich fühlbar die Energie der Schnitterin ein, die mit ihrer halbmondförmigen Sichel daran erinnert, dass es Zeit ist, die ersten Schnitte zu setzen, mitten in die bunte Pracht hinein.


Klar und liebevoll, bestimmt und unerbittlich. Was zur Reife gekommen ist, muss geschnitten werden, bevor es von der Sonne verbrannt wird und verdörrt.


Ungebremstes Wachstum und haltlose Ausdehnung dienen dem Leben nicht – so paradox es auch scheinen mag, doch durch den Tod und die Wandlung wird ein unabdingbarer Beitrag zum Leben geleistet.

Das Getreide, das „sterben“ muss, wird in etwas verwandelt, das Leben schenkt – aus Korn wird lebenserhaltendes Brot.


Eine der großen Fragen, die man sich gerade jetzt wieder stellen kann ist daher die Frage, was denn im eigenen Leben vielleicht schon überreif oder verdörrt ist und dringend eines klaren Schnittes bedarf.


Aber auch, ob ich mir meiner eigenen Ernte bewusst bin, die Fülle in meinem Leben dankbar erkennen und annehmen kann.


Jetzt ist auch eine gute Zeit, um das Nichtstun, die Unproduktivität und Ruhe noch einmal voll auszukosten und zu genießen.


Alles im Leben braucht einen Ausgleich, und während die feurig- rote Göttin die Sichel in die Hand nimmt und sich langsam in die Schwarze verwandelt, dürfen wir noch im Sommer schwelgen – und darüber nachdenken, was wir denn morgen mit den vielen Zucchinis kochen werden…

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